Äthiopien – der Süden

Nach zwanzig Jahren führte mich mein Weg mal wieder nach Äthiopien. Diesmal in den Süden an den Omofluss zu den Stämmen der Male, Karo, Nyangatom, Hamer, Arbore, Dasanesh und den Mursi. Nachdem mich Johannes Fischer (nicht mit mir verwandt! ) und seine Frau aus Mecklenburg Vorpommern in einer Fernsehsendung vom NDR gesehen hatten, kontaktierten sie mich und Johannes fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, ihn auf seiner vierten Reise nach Südäthiopien zu begleiten. Wir trafen uns vorab in München, um zu sehen, ob wir miteinander klar kommen und flogen einige Monate später zusammen über Addis Abeba nach Jinka. Dort holte uns sein Freund Arefat ab und schon am nächsten Tag fuhren wir zum Stamm der Mursi, der Frauen mit den Tellerlippen. Viele von ihnen freuten sich, Johannes schon zum dritten Mal zu treffen und vor allem, weil er Fotos ausgedruckt hatte von seinem letzten Besuch, die er ihnen als Geschenk in die Hand drückte. Komischerweise hatte sich seit meinem letzten Aufenthalt vor 20 Jahren nicht wirklich viel verändert. Außer, dass die Mursi sich immer wieder umzogen und mit Zweigen schmückten und genau wussten, wie sie sich in Szene setzen müssen, um fotografiert zu werden.

Mursi Frau

Wir verbrachten zwei Tage dort und brachen dann von Jinka aus auf, um nach Turmi zu fahren, den Ort, den wir als Basis für unsere Besuche bei den Stämmen der Karo, Nyangatom, Arbore, Male, Hamer und Dasanesh nutzten. Wir mieteten uns bei Erich ein, einem Deutschen, der mit seiner Frau Tigist ein Hotel betreibt und Jeeptouren anbietet.

Natürlich war einer unserer Fototermine der obligatorische ‚Bulljump‘, eine Zeremonie, mit der die Initiation eines jungen Hamer Mannes in die Welt der Erwachsenen zelebriert wird. Bei diesem Ritual springt ein junger, uninitiierter Mann viermal nackt über eine Reihe von Rindern, um heiratsfähig und erwachsen zu werden. Ein weiterer Teil des Brauchs ist das vorherige Auspeitschen der Mädchen durch die Junggesellen, die den Sprung über die Rinder bereits erfolgreich absolviert haben. Während der Zeremonie fordern die Frauen die Männer immer wieder dazu auf, weitere Peitschenhiebe zu bekommen bzw. blasen nach dem Schlag in ein Horn.

Desweiteren besuchten wir etliche Freunde von Johannes bei den Hamer.

Die Hamer besitzen Rinder und Ziegen, die ihre Lebensgrundlage darstellen und zugleich Statussymbol sind. Viele Tage liefen Johannes und ich auf dem Markt in Turmi herum, immer auf der Suche nach Freunden, die er in den letzten Jahren fotografierte, um ihnen die Fotos auszuhändigen. Hier in Turmi bekam ich die schönsten Porträts in einer Bar, in der ich mich öfter aufhielt und etwas trank.

Unser Weg führte uns weiterhin in das Dorf Omorate Richtung kenianischer Grenze, um dort den Stamm der Dasanesh zu besuchen. Unsere Ankunft in Omorate war alles andere als angenehm. Dort gibt es selten Strom und so war alles stockduster und wir liefen mit unserer Stirnlampe umher, um uns zu orientieren. Nachts war es immer noch so heiß, dass ich aus meinem stickigen Zimmer in den Hof hinausging und versuchte, im Sitzen auf einem Plastikstuhl zu schlafen. Früh am morgen wollten wir eine Rinderherde vor dem Dorf ausfindig machen um den aufwirbelnden Staub zu fotografieren. Leider fanden wir keine Rinderherde, dafür aber ein mindestens genau so schönes, wenn nicht sogar noch schöneres Motiv: eine junge Mutter mit ihrem Baby auf dem Arm, die sich in einer schönen Silhouette vom Horizont abzeichnete.

Anschließend ging es zum Fluß, wo wir mit Einbäumen übersetzten, um zu einem Dorf des Stamms der Dasanesh zu gelangen. Die Dasanesh wohnen in einer Art Wellblechhütte mit Holzstangen außen herum. Sie sind eine ethnische Minderheit, die nicht nur hier lebt, sondern auch in Kenia und dem Südsudan.

Wir blieben einige Tage in diesem Ort ohne Strom und fuhren schließlich wieder nach Turmi zurück. Kalla, ein Freund von Johannes, erwartete uns schon und lud uns zu sich zum Ziege essen ein.

Am nächsten Tag fuhren wir mit dem Jeep Richtung Osten zum Stamm der Arbore. Ar bedeutet Bulle und Bore Land. Zirka 3000 von ihnen leben in verschiedenen Dörfern noch ganz traditionell vom Hirseanbau und von ihren Tieren, die sie mit Fleisch und Milch versorgen.

Die Arbore leben in sogenannten Clans und jedes Dorf hat einen politischen und einen religiösen Führer. Die Arbore kannte ich bis dato überhaupt nicht und so war dieser Besuch für mich das Highlight der Reise. Wir fotografierten im Dorf eines Freundes von Johannes und ich konnte es gar nicht fassen, wie fotogen all diese Menschen sind. Als Johannes bei einer ihm bekannten Familie nach der Tochter fragt, um ihr Fotos von seinem letzten Aufenthalt zu geben, verstummen plötzlich alle und schauen uns betreten an. Schließlich stellt sich heraus, dass das Mädchen an einem Schlangenbiss starb.

Von den Arbore führte uns unser Weg zum Stamm der Karo, die zirka 65 km entfernt von Turmi am Omofluss leben. Die Fahrt dorthin führt durch wildes, einsames Land und ist besonders vor Sonnenaufgang ein tolles Motiv.

Die Männer des Stamms der Karo arbeiten oft in den nahegelegenen Städten und sind deshalb sehr vertraut mit europäischen Gästen. Der Wunsch, sich zum Beispiel mit bunten Blumen zu schmücken ist eine der markantesten Besonderheiten der Karo. Sie leben unter anderem vom Fischfang und vom Ackeranbau, was die vielen Getreidespeicher bezeugen.

Zwei Stunden Autofahrt entfernt von den Karo lebt der Stamm der Nyangatom, die wir am nächsten Tag auch besuchten.

Die Nyangatom sind Halbnomaden, leben von der Viehzucht und vom Ackerbau, sind in Clans organisiert und leben mit ihren Zeburindern am Omofluss. Sie pflanzen Soja, Sorghum und Mais bzw. Tabak an.

Schon vor zwanzig Jahren erwartete man hier Geld, um ein Foto schießen zu dürfen und es hat sich nichts daran verändert. Es spricht zwar niemand offen darüber, aber es ist ein offenes Geheimnis. Ein Foto kostet etwa drei Äthiopische Birr, umgerechnet etwa zwölf Cent. Ich persönlich finde das ja legitim, denn die Menschen sollen uns Fotografen ja nicht kostenlos zur Verfügung stehen. Die Stämme finanzieren mit dem Geld verschiedene Dinge, wie ihre medizinische Versorgung, Ausbildung ihrer Kinder, Baumaterial für ihre Hütten u.v.m. Es gibt verschiedene ‚Bezahlmodelle‘: entweder bezahlt man die einzelnen Menschen, die man fotografiert oder man gibt dem Dorfchef einen Pauschalbetrag und dieser entscheidet gemeinsam mit den Dorfbewohnern, welches Projekt mit dem Betrag finanziert wird.

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