Segelüberführung von Elba nach Sri Lanka mit einem Zweimaster namens Troll, Baujahr 1950

Die Segelüberführung fand im Jahr 1991 statt und wir segelten ca. 4000 Seemeilen von Elba nach Sri Lanka. Die Fotos sind nicht gescanned und stammen aus einer Taschenknipse.

Unter falscher Flagge

Italien, Griechenland, Ägypten, Sudan, Eritrea, Jemen, Somalia, Indien, Sri Lanka

Hand gegen Koje, so lautete die Zeitungsannonce in der Badischen Zeitung. Suchen Mitsegler bzw. eine Crew zum Überführen unserer Segelyacht von Elba nach Sri Lanka.

Segeln konnte ich … glaubte ich. Ich hatte es auf der Yacht meines Onkels Florian auf dem Wannsee gelernt und war ein paar Mal auf dem Titisee und Schluchsee im Schwarzwald mit einer Jolle unterwegs gewesen. Zwar war Wasser noch nie mein Element, aber es befände sich ja ein Boot zwischen mir und dem Meer, beruhigte ich mich. Segeltörn klang genial. Wie konnte ich mein Abi standesgemäßer feiern als mit so einem Trip? Fragte sich nur, wie ich zu dem Vorstellungstermin bei dem Besitzer des Schiffes kommen sollte. Mein Kumpel Thilo, der nicht nur den Führerschein, sondern auch ein Auto besaß, erklärte sich sofort bereit, mich zu chauffieren. „Das musst du machen, Sarah!“
„Mal sehen, wie der Typ so ist“, bremste ich ihn.

Im Gespräch mit Winfried stellte sich heraus, dass er sehr nett war. „Von meiner Seite geht das klar mit dir“, ließ er mich zum Abschied wissen und begleitete mich auf die Straße, wo Thilo auf mich wartete.
„Ist das dein Freund?“, fragte Winfried.
„Nein, mein Kumpel.“
Winfried musterte Thilo eindringlich, fast schon unhöflich. Dann machte er ihm einen Antrag: „Sag mal, willste nicht auch mitkommen auf den Törn; ich hätte gerne noch jemand Zweites in ihrer“, er nickte mit dem Kopf in meine Richtung, „Altersklasse dabei.“
Ich ärgerte mich ein bisschen, dass ich nicht selbst auf diese Idee gekommen war, denn in unserem Gespräch hatte Winfried mehrmals betont, dass er Wert auf eine bunte Crew lege, jede Altersgruppe sollte vertreten sein, erfahrungsgemäß gebe es so am wenigsten Probleme.

„Echt?“, strahlte Thilo. Sein Zivildienst würde erst in einigen Monaten beginnen. Er hatte Zeit für ein solches Abenteuer.
Winfried streckte seinen Arm vor, hielt inne. „Ihr zwei – ihr versteht euch gut? Das gibt keine Schwierigkeiten?“
„Wir sind fette Kumpels“, versicherten wir, und dann besiegelten auch Thilo und Winfried den Törn mit einem kräftigen Handschlag.

Mit der Ruhe war es vorbei, als wir bei unserer Crew in Elba anlangten. Winnie begrüßte uns hektisch. „Da seid ihr ja endlich! Alle anderen sind bereits eingetroffen.“ Er stellte uns die Mannschaft vor. Erleichtert registrierte ich, dass ich nicht die einzige Frau an Bord war. Winfrieds Bekannte Moni war mit von der Partie, ferner Herbert „Unser wichtigster Mann“, grinste Winnie, „der Schiffskoch.“ Uwe und Thomas, zwei Maschinenbaustudenten um die dreißig hatten aufgrund derselben Anzeige angeheuert wie wir. Der Skipper, den ich für den wichtigsten Mann hielt, hieß Dietmar und war Winnies bester Freund … noch. Die Yacht trug den hübschen Namen Troll.

die Troll, unser Segelboot

Das Deck bestand aus Teakholz, sauber aufgerollt lagen Taue an Bord, und alles erweckte einen gepflegten und ordentlichen Eindruck, was mich beruhigte, wie gesagt: Wasser ist nicht mein Element. Wir erfuhren, dass das Schiff 20 m lang war, einen Stahlkiel, 2,5 m Tiefgang und drei Segel besaß: Besan, Fock und ein Großsegel.

Dietmar teilte uns mit, dass wir die Nächte durchsegeln würden und installierte einen Autopilot mit einem Keilriemen am Steuer. „Es ist unerlässlich, auf Kurs zu bleiben“, wies er uns an. „Ich werde euch zu Nachtwachen einteilen. Jede Wache ist dafür verantwortlich, dass der Kurs gehalten wird, klar?“
Wir nickten. Beim Losen um die Reihenfolge zog ich die erste Wache von 22 bis 24 Uhr.
„Glückspilz“, raunte Thilo mir zu, der um vier Uhr morgens geweckt werden würde.

v.l.n.r. Winnie, Christian, Thilo und ich

Nach zwei Tagen Akklimatisation an Bord drückte Dietmar den beiden Studenten die Gebrauchsanweisung des Motors in die Hand und beauftragte sie mit der Wartung. Die Jungs stiegen in den Schiffsrumpf und wurden für den Rest des Tages nicht mehr gesehen. Am Spätnachmittag hörten wir komische Geräusche aus dem Motorraum, die immer lauter wurden, ein Rumpeln und Schleifen. Winnie machte ein besorgtes Gesicht. „Die Welle schlägt sich frei.“
„Was heißt das?“, flüsterte Thilo mir ins Ohr.
„Das passiert manchmal bei solchen Booten“, behauptete ich. „Kein Grund zur Besorgnis.“ Ich selbst war jedoch sehr beunruhigt und lauschte, ob das Schlagen lauter würde, und je mehr ich horchte, desto lauter wurde es.

Die Liste der Arbeiten, die wir zu erledigen hatten, nahm kein Ende, sei es die Saling in schwindelnder Höhe zu reparieren, die Reling instand zu setzen.

Bei einer der Reparaturarbeiten sägte sich Winnie auf offener See zirka 500 Seemeilen vor Kreta ins Bein. Er blutete stark und hatte große Schmerzen.
„Das muss genäht werden!“, rief Moni, so blass als litte sie an Blutverlust. Ein klarer Fall von psychosomatischer Solidarität.
„Hier“, zischte Winnie mit zusammengebissenen Zähnen und zog ein Nähset aus seiner Werkzeugtasche.
„Ich mach das nicht!“, rief Moni panisch.
Dietmar sprang ein und nähte die Wunde. Als Betäubungsmittel diente seemannstypisch ein großer Schluck aus der Pulle.

Wellenreiten, Wellenschlagen

Nach einigen Tagen auf See gingen wir das erste Mal auf Kreta an Land. Staunend stellte ich fest, dass es wirklich schwierig ist, sich auf ruhigem Untergrund zu bewegen, wenn man das Schwanken des Schiffes verinnerlicht hat. Um uns die Zeit zu vertreiben, fuhren Thilo, Dietmar und ich auf einer Tischplatte, gezogen von einem Schlauchboot mit 50-PS-Motor im Hafenbecken Wasserski. Das machte so viel Spaß, dass die anderen, die uns erst für bescheuert erklärten, auch mal wollten. Alle hielten sich wacker, keiner wünschte, in der Dreckbrühe des Hafens baden zu gehen.

mit diesem Dingy mit 50 PS zogen wir die Tischplatte hinter uns her, auf der wir im Hafenbecken surften

Beim Konvoifahren durch den Suezkanal, der zu meiner Überraschung nur zirka 30 Meter breit ist, trafen wir auf Guido, einen italienischen Bootsbesitzer mit seiner Crew auf einer 11 Meter langen, strahlend weißen Segelyacht.

Der Konvoi ist Pflicht, an Bord einer jeden Yacht befindet sich ein Lotse, der die Tiefen kennt und die Schiffe sicher ins Rote Meer leitet.

Die Fahrt sollte drei Tage dauern, zu lang für die verrostete Welle der Troll, die sich nun endgültig frei geschlagen hatte, wie nicht mehr zu überhören war.
„Was bedeutet das?“, fragte Thilo mich.
„Nichts Gutes“, mutmaßte ich und staunte, wie schnell das Wasser in den Rumpf lief. Wir schafften es gerade noch, am Ufer auf einer Sandbank anzulegen. Hätte sich die Welle auf hoher See freigeschlagen, wären wir langsam, aber sicher gesunken. Mit Eimern schöpften wir wie die Wilden Wasser, und mit vereinten Kräften gelang es uns, das Schlimmste abzuwehren: Zwar war der Rumpf schon ziemlich voll gelaufen, doch das Loch war nicht so groß, dass neues Wasser schneller eindrang als wir das vorhandene Wasser hinausschöpften.
Winnie versuchte das Loch mit einem Lötkolben notdürftig zu flicken. Unser Lotse funkte die Wasserwacht in Suez an, die uns ins Schlepptau nahm.
„Tja Leute“, teilte Winnie uns mit, als die Troll in der Werft lag. „Die Reparatur wird einige Wochen dauern. Ihr könnt Urlaub machen, ehe es weitergeht.“
„Ohne uns“, verkündeten Thomas und Uwe.
Sie hatten ihre Habseligkeiten bereits zusammengerafft und wollten auf dem schnellsten Weg zurück nach Deutschland.
„Ich pack’s auch“, meldete Herbert, der Koch, sich.
„Und ihr?“, wollte Winnie wissen.
„Wir überlegen noch“, verschaffte ich uns Bedenkzeit. Einen Segeltörn hatten wir uns anders vorgestellt. Niemand hatte uns vorbereitet, dass wir ständig zu Reparaturarbeiten eingeteilt würden. Aber wir waren angetreten, das Schiff nach Sri Lanka zu überführen. Wir waren keine Weicheier, Hinschmeißer. Andererseits hatten wir das unzählige Male unter Beweis gestellt.

Thilo und ich entschieden, der Troll den Rücken zu kehren. Mit den Italienern, die wir eben erst kennen gelernt hatten, segelten wir zu der Insel Tawila. Dort erholten wir uns erst mal: Wir schwammen, schnorchelten und tauchten, erkundeten die Insel und hatten viel Spaß.
„So könnte es von mir aus ewig weitergehen“, gestand ich Thilo.

Thilo und ich verabschiedeten uns von den Italienern und fuhren mit dem Bus nach Kairo. Wie immer im Orient konnte ich nicht genug Eindrücke in mich aufsaugen in den Souks. All die Gerüche, Farben, Geräusche; das laute Feilschen der Händler, die Eselskarren und Gewürze, Coca Cola als Logo in arabischer Schrift, und der Ruf des Muezzin vom Minarett: Allah Akbar.

Nach einigen Tagen fuhren wir mit dem Bus nach Dahab auf die Sinai Halbinsel durch die karge, steinige Wüste bis an den Golf von Aquaba, wo wir am Blue Hole eine kleine Schnorcheltour unternahmen. Leider hatte ich damals noch keinen Tauchschein, sonst hätte ich die Steilwand erkundet. Am Blue Hole treffen sich Taucher aus der ganzen Welt. Thilo und ich pilgerten weiter zum Berg Sinai, an dessen Fuße das Katharinenkloster liegt, zwischen 548 und 565 gegründet.

Wir begannen unseren Aufstieg vor dem Morgengrauen im Lichtkegel unserer Taschenlampen. Auf halbem Weg trafen wir drei Engländer, denen wir uns anschlossen. Gegen sechs Uhr ereichten wir das Kreuz, gerade rechtzeitig, um einen faszinierenden Sonnenaufgang inmitten von Gipfeln zu bewundern, die sich nach und nach blutrot färbten.

„Und wohin jetzt?“, fragte ich Thilo beim Abstieg.
„Auf keinen Fall nach Hause.“
Wir klatschten uns ab. Gimmie five.
„Wie es der Troll wohl geht?“, dachte ich laut.
„Wir können ja mal nachschauen“, meinte Thilo.

Käferbrot

Als wir an der Werft am Suezkanal anlangten, freuten sich alle, uns zu sehen. „Ihr kommt zum rechten Zeitpunkt“, erfuhren wir von Winnie. „In drei Tagen ist die Troll seeklar und wir starten.“

Ich wechselte einen Blick mit Thilo und verkündete dann „Wir sind dabei!“

Am folgenden Tag kauften wir Grundnahrungsmittel wie Eier, Mehl, Nudeln, Kartoffeln. Um Eier ohne Kühlung lang haltbar zu machen, müssen sie gedreht und gewendet werden, wie ich mittlerweile erfahren hatte. Was Küchentricks betraf, lernte ich eine Menge auf der Troll. Wir buken unser Brot selbst, auch wenn sich im Mehl Käfern befanden, die man später mit gutem Willen für Kümmel halten konnte. Dietmar ekelte sich vor den Käfern mit den vier lang gestreckten Beinen im Brot und verzichtete ganz darauf. Wunderbar: So blieben mehr Proteine für mich.

Wir setzten Joghurt an, stellten Butter her und auf Landgängen sammelten wir Süßkartoffeln und Ananas für einen abwechslungsreichen Speiseplan, den wir nun selbst gestalten mussten, nachdem der Koch uns verlassen hatte. Reihum wechselten wir uns in der Küche ab, was mir sehr recht war. Ich hätte gemeutert, wenn der Küchendienst an mir allein hängen geblieben wäre. Kochen bei hohem Seegang ist eine Herausforderung. Der Schwingherd glich zwar jede Wellenbewegung aus, doch in der engen Küche war das Zubereiten der Mahlzeiten kein Vergnügen. Und es war sehr, sehr heiß. Der Schweiß rann mir in Strömen übers Gesicht.

Eines Abends saßen wir beim Kartenspielen im Vorderschiff, als ein lauter Knall ertönte. Ich rannte in die Kajüte. Die Langusten waren aus den Töpfen gefallen. Blau lagen sie auf dem Boden und schauten mich vorwurfsvoll an.

An diesem Abend zog eine Wolkenwand auf. Innerhalb weniger Minuten begann es zu stürmen, regnen, zu schütten. Die Troll lag mit ihrem Stahlkiel sicher im Fahrwasser und machte schnittige 15 Knoten. Zum ersten Mal packte mich die Seekrankheit. Immer höher wurden die Wellenkämme, immer tiefer die Wellentäler und mein Magen schwappte über. Ich verlor die Orientierung. Wo war oben, wo unten? Am liebsten wäre ich gestorben. Thilo hängte mich an den Lifebelt, damit ich nicht über Bord gespült wurde, als ich mich an der Reling übergab. Schwach hörte ich Dietmars Stimme. „Sarah, Scheiße! Mit dem Wind, nicht dagegen!“
Thilo prustete los. Womöglich hielt er das für Absicht. Dietmar konnten wir nicht ausstehen, was auf Gegenseitigkeit beruhte.
„Du musst den Horizont fixieren“, riet Thilo mir, was er in einem seiner Bücher gelesen hatte.
„Okay“, brachte ich mühsam heraus und stellte dann überrascht fest, dass mir der Tipp half. Irgendwann wankte ich in die Kajüte und fiel in die Koje. Als ich erwachte, lag die Troll ruhig im Meer.

„Aufstehen!“ Dietmar klatschte in die Hände und teilte mich zur Arbeit ein. Ich sollte die kleinen Muscheln, die sich an Bug und Heck festgesetzt hatten, abschaben. Mit Taucherbrille und Schnorchel ausgestattet ließ ich mich ins Wasser gleiten und erledigte diesen anstrengenden Job gemeinsam mit Thilo wie schon viele Male zuvor. Da tauchte plötzlich Dietmar auf und begann ebenfalls, Muscheln abzuschaben. Zwischendurch kommandierte er uns in seiner herrischen Art herum. Schließlich befahl er uns, ein Seil zu halten und ihn an diesem hochzuhieven, wenn er von unten daran zog. Wir nickten und Dietmar tauchte ab. Thilo und ich saßen schweigend an Bord, das Seil in der Hand. Plötzlich bewegte es sich. Thilo und ich wechselten einen Blick. Keiner von uns rührte einen Finger. Wieder ein Rucken am Seil. Diesmal heftiger, fast schon hektisch. Die Sekunden dehnten sich. Wild wurde am Seil gerissen.
„Da hat es einer aber eilig, was meinst du?“, fragte ich Thilo und wir zogen Dietmar hoch. Kaum erschien sein rotes Gesicht über Wasser, brüllte er auch schon los: „Was zum Teufel macht ihr Idioten da oben, warum passt ihr nicht besser auf, verdammt!“

Thilo und Christian beim Muscheln abschaben

Eines Tages entdeckte ich Delfine. Die glatten, grau glitzernden Leiber schwammen gemächlich neben unserem Schiff her und pusteten ab und zu eine Fontäne in die Luft. Begeistert und tief berührt beobachtete ich sie, bis sie am Horizont verschwanden. An einem anderen Tag überraschte mich ein Dutzend Vögel an Deck, Stare! Sie waren auf dem Flug in wärmere Gefilde und wohl ein bisschen erschöpft. Da kam die Troll gerade recht.
Etwas später tauchte ein besonders merkwürdiger Vogel am Himmel auf. Er hatte große Ähnlichkeit mit Thilo. Das war Thilo!
„Hey, was machst du denn da?“, rief ich der Gestalt auf dem Klüverbaum zu.
Mit dem Käscher in der Hand winkte er mir. „Ich will mal was anderes essen als den ewigen Thunfisch. Vielleicht fange ich uns was Hübsches.“
„Lieber was Leckeres!“, bat ich ihn.

Drei Monate waren mittlerweile vergangen, und ich fragte mich, wann wir endlich Sri Lanka erreichen würden, obwohl die Stimmung an Bord umgeschlagen war. Nach vielen Streitereien der beiden vormals besten Kumpels Winnie und Dietmar verließ letzterer uns eines glücklichen Tages; Winnie hatte seinen Skipper entlassen und einen neuen unter Vertrag genommen: Christian aus Frankreich, den alle sofort mochten. Nach Dietmar hätte es jeder leicht gehabt, unsere Sympathie zu gewinnen.
Christian verbot uns keine Landausflüge, sondern begleitete uns manchmal sogar wie in Aden im Jemen. Von 1967 bis 1990 war Aden Hauptstadt der Volksdemokratischen Republik Jemen. Heute ist die Hauptstadt Sanaa.

Entlang der somalischen Küste wehte eine steife Brise. Auf der Höhe von Djibouti gingen wir an Land und wurden in ein nah gelegenes Dorf eingeladen, wo in einer Halle meterhoch Reissäcke lagerten, die mit einer Cessna ins Landesinnere gebracht und dort verteilt werden sollten.

Hin und wieder zeigte uns ein Somali seine Kalaschnikow, und dann gab es nur eine richtige Reaktion, wie uns Christian eintrichterte: Bewunderung.
„Wow, hast du eine tolle Waffe!“
„Toll sieht sie aus.“
„Gut steht sie dir.“
Unser neuer Skipper kümmerte sich verantwortungsvoll um seine Crew und legte auch Wert darauf, dass wir lernten, einen Sextanten zu handhaben, um über die Stellung von Sonne, Mond und Sternen navigieren zu können.

Christian übt mit uns mit dem Sextanten

„Der will doch wohl hoffentlich keine Fliege machen?“, befürchtete Thilo beunruhigt.
„Und wenn schon“, grinste ich. „Dann wissen wir genug, um auch ohne ihn durchzukommen.“
„Meinst du?“, fragte mein Kumpel skeptisch.
„Klar!“, behauptete ich.

Wrack am Ziel

Der Diesel des griechischen Frachters, den wir aufgrund eines Mastbruchs durch die Ausläufer eines Monsuns in Fässern ins Meer geworfen bekommen hatten, verstopfte unsere Pumpe häufig, sodass wir nur langsam vorankamen. Christian beschloss einen Stopp im Hafen von Trivandrum an der indischen Westküste, um sauberen Diesel zu tanken.
Trivandrum ist die Hauptstadt des südindischen Bundesstaats Kerala. Während wir in den Hafen einliefen und die indische Flagge hissten, entdeckte ich einen rosafarbenen Tempel auf einer Anhöhe, der aussah wie aus Zuckerguss und mich noch neugieriger auf Indien machte, als ich es ohnehin war.

Unser Segelboot Troll im Hafen von Trivandrum, Indien

Da kam schon ein Dingy der Hafenmeisterei auf uns zu, und wir wurden freundlich begrüßt. Als erstes stieg ich in das kleine Boot, das uns an Land bringen würde. Ich drehte mich um nach der Troll, und der Schreck fuhr mir in die Glieder. Zum ersten Mal seit langer Zeit sah ich unser Schiff als Ganzes – ein entsetzlicher Anblick. Mit diesem verrosteten Kahn war ich um ein Viertel Welt gesegelt. Das durfte ich meinen Eltern niemals erzählen!

Thilo mit den Hafenmeistern im Dingy

Indien begeisterte mich. Diese Farben – und die schönen Menschen! Ich konnte mich kaum satt sehen an den Saris der Frauen und ihren zierlichen Gestalten, selbst 80-jährige erschienen wie junge Mädchen, zumindest von hinten. Auch das indische Essen schmeckte mir gut, und ich hoffte, dass es mir in Sri Lanka genauso gefallen würde … falls wir es tatsächlich erreichen sollten …

Und ja, wir schafften es. Zum Dank für unsere Treue lud Winnie uns ein in sein Haus am Strand, wo wir uns von den Strapazen des Törns erholten, ehe wir die Insel erkundeten, wobei wir keine Sehenswürdigkeit ausließen, vom Elefantenwaisenhaus in Kandy bis zu den Teeplantagen in Nurelia.

Fast in jeder Unterkunft hörten wir nachts Riesenkakerlaken krabbeln? Nein trampeln! Nur in Winnies Haus, wohin wir schließlich zurückkehrten, gab es keine. Er hatte zwischenzeitlich Holz in Norwegen bestellt, um den Masten der Troll reparieren zu lassen.
„Habt ihr Lust, auf der Troll zu arbeiten?“, fragte er uns. „Wenn sie wieder seetauglich ist, will ich sie an Touristen vermieten. Ihr wärt eine prima Besatzung.“
Diesmal mussten Thilo und ich nicht lang überlegen, ehe wir ablehnten. „Vielen Dank, aber wir wollen nach Hause. Thilo tritt seinen Zivildienst an, und ich beginne meine Lehre.“
Auch Winnie hatte einiges in Deutschland zu erledigen und buchte uns drei auf denselben Flieger. Bei der Ausreise wurde er jedoch festgenommen: Er hatte versehentlich Christians Leuchtpistole im Gepäck.

„Haben wir das wirklich erlebt?“, frage ich Thilo hoch über den Wolken.
Er zwinkert mir zu. „Ne, so was kann man nur träumen.“

2 Kommentare

  1. Liebe Sarah, mit viel Herzklopfen habe ich eben deinen spannenden Bericht gelesen, obwohl ich wusste, dass ihr damals heil und gesund wieder nach Hause gekommen seid. Als ich euch damals in München am Flughafen zusammen mit deiner Mutter abholte warst du es, die während der ganzen Autofahrt nach Freiburg voller Begeisterung und Mitteilungsdrang von eurer Weltreise berichtete, Thilo ergänzte höchstens mal mit einem Halbsatz. Ich war dir so dankbar. Schon während eures Abenteuers versorgte uns zum Glück deine Mutti bei gelegentlichen Telefonaten mit Nachrichten über euch. Thilo berichtete uns erst peu á peu in den nächsten zwei, drei Jahren. Warum, erkannten wir als Eltern bald, allein sein Erlebnis in Jemen, der Mastbruch auf offener See oder der Piratenüberfall im Indischen Ozean sprachen Bände.
    Danke nochmals, besonders für die Fotos. Ich kann mich gar nicht erinnern, damals alle gesehen zu haben. Herzlichst Gitti, Guido lässt auch grüßen.

    • Liebe Gitti,
      vielen Dank für deine Nachricht, die mich sehr gefreut hat! Ich nehme an, Thilo schickte dir neulich, als das Cargoschiff im Suezkanal feststeckte Fotos, die ich ihm neulich zur Erinnerung schickte, weil wir damals ja auch mit unserem Segelboot im Suezkanal feststeckten? Das wurde mir auch jetzt dadurch wieder bewusst, dass unser Rumpf damals volllief, wir wie die Wilden mit Eimern Wasser schöpften und uns schließlich auch in den kleinen Bittersee abschleppen lassen mussten. Thilo konnte sich noch genau an unseren Lotsen erinnern. Ich wünsche euch schöne Ostern und hoffentlich sehen wir uns bald mal wieder!

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